Dr. Dieter Lehmkuhl, Vorstandsmitglied der IPPNW, bei der Verleihung des 25. Friedensfilmpreises (© Boris Buchholz)

Rede von Dr. Dieter Lehmkuhl, Vorstand IPPNW

25 Jahre Friedensfilmpreis

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Friedensfilms,
dear Mr. Al-Daradji

im Namen der IPPNW, der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung, begrüße ich Sie herzlich zu dieser  Veranstaltung zur Verleihung des Friedensfilmpreises 2010.

Der Friedensfilmpreis schaut auf eine 25-jährige Geschichte zurück – es ist doch etwas Besonderes, dass diese Initiative, 1986 entstanden aus der Berliner Friedensbewegung bis heute nicht nur Bestand hat, sondern über die Jahre zu einer festen und anerkannten Instanz bei der Berlinale geworden ist. Beliebt bei Ihnen, dem treuen Friedensfilmpreis-Publikum, das Jahr für Jahr immer zahlreicher zur Preisverleihung kommt, aber auch geschätzt und unterstützt von den Berlinale-Verantwortlichen und anerkannt bei den Filmemacherinnen und Filmemachern.

Ich beglückwünsche den Friedensfilmpreis zu seinem 25jährigen Bestehen. Und mein herzlicher Dank gilt allen, die über die Jahre den Preis begleitet und unterstützt haben. Allen voran  Marianne Wündrich-Brosien von der Friedensinitiative Zehlendorf, der dieser Preis seine Entstehung verdankt. Sie hat mit  zäher Energie und langem Atem über all die Jahre immer wieder neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter gesucht und gefunden und es ist ihr gelungen, viele der alten Mitwirkenden bei der Stange zu halten und weiter für das Projekt zu verpflichten.

Die IPPNW feiert das 25. Jubiläum des Friedensfilmpreises heute nicht nur mit Freude, sondern auch mit ein wenig Stolz. Wir haben 1991, nach dem Tode von Altbischof Kurt Scharf, die Schirmherrschaft für dieses Projekt übernommen und haben es seither, also nahezu 20 Jahre, begleitet und unterstützt.

Diese Schirmherrschaft verstehen wir als Partnerschaft, nicht als Mäzenatentum.– Wir sind kein Ärzteverein, der sich mit Kunst & Kultur schmückt, sondern eine deutsche und internationale friedenspolitische Organisation, die sich auch der sozialen Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten in besonderer Weise verpflichtet fühlt. Wir verstehen unseren Einsatz für eine Welt ohne Krieg, für die Abschaffung der Atomwaffen, für eine Energieversorgung ohne Atomenergie  und  unser soziales Engagement auf vielen  gesundheitsbezogenen Feldern als Beitrag zu einer Kultur des Friedens. Dabei sehen wir in vielen der hier ausgezeichneten Filme eine Bereicherung, Ermutigung und Ergänzung zu unserer Arbeit.

Was zeichnet einen Friedensfilm aus? Da ich zwar gerne gute Filme sehe, aber Filmlaie bin, möchte ich mich auf Andreas Dresen berufen, der in seiner Laudatio auf Michael Winterbottoms großartigen Film „In this World“ 2003 sagte:

„Ein Friedensfilm vereint neben künstlerischer Qualitäten auf ganz besondere Weise Gefühlstiefe, Humanismus und soziales Engagement (...) und führt somit die besten Traditionen der Filmgeschichte weiter. Es geht um einen Film, der seinen friedlichen Anspruch durch Herzensbildung realisiert, der den Zustand dieser Welt mit künstlerischen Mitteln, ohne falsches Pathos oder Didaktik beschreibt, einen Film also, der die Wahrheit über menschliches Zusammenleben zu einem großen und berührenden Kinoerlebnis werden lässt.“

Eine Kultur des Friedens braucht solche Friedensfilme.  Filme, Bilder und die Geschichten, die sie erzählen, sprechen Menschen auf einer tieferen und emotionaleren Ebene an und bewegen auf eine andere Weise als dies über Argumente, Kampagnen, und Appelle gelingt . Friedensfilme sensibilisieren und ermutigen  für eine Kultur des Friedens. Sie enthalten Momente der Irritation und des  Widerständigen und im Sinne von Günter Eichs „Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt“. Sie bereichern das eigene Denken, Fühlen und Handeln, weil sie oftmals eine neue oder andere  Perspektive hervorheben und  so dazu bringen, die eigene Position zu überdenken.

Der erste Friedensfilm, den ich sah, „A Long Night’s Journey Into Day“ (2000) , ist mir noch unvergesslich in Erinnerung. Ein Dokumentarfilm über die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Leitung von Bischof Tutu  in Südafrika, die Opfer und Verfolger der Apartheid  zusammenbrachte. Es gibt  wenige Filme, die mich so tief berührt haben.

Die IPPNW-ÄrztInnen und Ärzte, und vor allem unsere Studierenden, haben  viele der hier ausgezeichneten Filme bei ihrer Friedens- und Menschenrechtsarbeit genutzt. Zum Beispiel Filme, die das Thema Traumatisierung so anschaulich und einfühlsam behandeln wie Laurant Becue-Renards „Das Leben danach – Worte von Frauen“ (2001) oder Jasmila Zbanic’s „Grbavica – Esmas Geheimnis“ (2006). Sie haben unsere Kampagnen für ein Bleiberecht für traumatisierte Flüchtlinge unterstützt.

Durch den  Film „Buddha zerfiel vor Scham“ (2008) fühlten wir uns bestärkt und bestätigt in unserem jahrelangen Engagement für die Beendigung des  Krieges in Afghanistan. Der Preisträger des vergangenen Jahres, „The Messenger“, hat uns eindringlich vor Augen geführt, welche psychischen Nachwirkungen der Kriegseinsatz auf einen Soldaten haben kann und uns in unserer Arbeit über Traumatisierung durch Krieg und traumatisierte Soldaten unterstützt.

An dieser Stelle darf, 5 Tage vor der Entscheidung des Bundestages, ein Wort zu Afghanistan nicht fehlen. „Was haben 8 Jahre Krieg in Afghanistan bewirkt?", so  fragt Franziska Augstein vor der Londoner Afghanistan Konferenz in der SZ? „Was für die Stabilität in der Welt und den Kampf gegen Al-Kaida, was für die afghanische Bevölkerung? Respekt vor den Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – das war es, was mit den Worten Joschka Fischers in A. verwirklicht werden sollte.“ Mit militärischen Mitteln ist nichts zu gewinnen. Am Hindukusch werde, so Christine Hoffmann, Generalsekretärin  der katholischen  Friedensorganisation Pax Christi, ein armes Land in noch größere Armut gebombt. Das einzige was dort blühe, sei der Mohn, die Korruption und die Prostitution. Eine wirkliche Alternative zur gescheiterten militärgestützten Kriegspolitik wäre:  Dialog und Verhandlungen mit allen Parteien unter Einbindung  der Nachbarländer, ein sofortiger Waffenstillstand und der Abzug  fremder Truppen, zivile Konfliktbearbeitung und der Wideraufbau des armen und zerstörten Landes in weitgehender Verantwortung der Afghanen. Hierzu gibt es differenzierte Vorschläge seitens der Friedensbewegung.

„Nichts ist gut (an diesem Krieg) in Afghanistan“ wie Margot Kässmann in ihrer Neujahrspredigt sagte. Wir sind der Ratsvorsitzenden der EKD dankbar, dass sie mit so klaren Worten der dringend notwendigen gesellschaftlichen Debatte über diesen Krieg die notwendige Aufmerksamkeit verschafft hat.

Das Engagement für Frieden braucht Friedensfilme. Als Vorstandsmitglied der IPPNW möchte ich allen Friedens-Filmemachern und –macherinnen für ihre großartigen Werke Dank und Anerkennung aussprechen. Und ich danke den Mitgliedern der Jury, dass sie diese wichtigen Filme  für uns, das Publikum, auswählen. Ich danke Ihnen für Ihre Sorgfalt und Ihr Gespür bei der schwierigen Entscheidung, welcher der fast 400 auf der Berlinale gezeigten Filme DER Friedensfilm ist.

Eine Kultur des Friedens braucht Friedensfilme – und Friedensfilme brauchen  das aufmerksame, begeisterte und kritische Publikum, das diese Filme ernst nimmt und annimmt und sich mit ihren Inhalten auseinandersetzt. Und ich denke mir, dass von den Filmschaffenden diese Auseinandersetzung mit dem Publikum auch gewünscht ist. Viele der Diskussionen nach den Filmvorführungen hier haben das gezeigt. Mit den Filmemacherinnen und Filmemachern ist uns gemeinsam die Vision von einer anderen Welt, die nötig und möglich ist. Und es ist notwendig, dass wir die öffentliche Diskussion über diese Filme befördern. Oft sind es keine Kassenschlager, manche haben es im Gegenteil schwer, überhaupt einen Verleih und damit ihr Publikum zu finden. Deshalb sollten wir alles daran setzen, diesen Filmen  Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie verdienen es in hohem Maße.

Für uns als Schirmherrin des Friedensfilmpreises ist die Unabhängigkeit der Jury ein wichtiges Gut. Sie entscheidet allein nach inhaltlichen und künstlerischen Kriterien und unterliegt nicht denen kommerzieller Verwertung. Es ist gut, dass es noch Reservate gibt, die frei von einer Kolonisierung nahezu aller Lebensbereiche durch die Ökonomie sind. Unser Engagement als  IPPNW beschränkt sich daher auf finanzielle Unterstützung und logistische Hilfestellung. Wir sind sehr dankbar, dass die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Friedensfilmpreises so engagiert, professionell und kreativ von Boris Buchholz wahrgenommen wird, und ich danke unserer Mitarbeiterin Ulla Gorges, die dieses Projekt für die IPPNW  mit soviel Herzblut betreut. Mein Dank gilt auch Jana Kind und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Heinrich-Böll-Stiftung, die diese Veranstaltung organisiert und ermöglicht haben.
Seit vielen Jahren ist die Heinrich-Böll-Stiftung eine wichtige Unterstützerin und Förderin des Friedensfilmpreises.  Und wir freuen uns, dass auch das Internationale Auschwitz Komitee seit langem ein Partner des Preises ist.

Die IPPNW wünscht – und nun komme ich zum Ende  - dem Friedensfilmpreis viele weitere erfolgreiche Jahre, viele weitere so gute Jury-Entscheidungen und ein weiterhin treues und engagiertes  Publikum . Wir wünschen der Friedensfilmpreis-Gruppe, dass sie weiterhin den Mut und den langen Atem hat, der dieses 25 jährige Jubiläum möglich gemacht hat.

Das heutige Jubiläum ist ein  Anlass für einen kritischen Rückblick und für eine  Kursbestimmung für die nächsten Jahre. Wir als IPPNW würden es begrüßen, wenn auch andere Personen, Gruppen und Organisationen, die sich für eine Kultur des Friedens engagieren,  für eine Unterstützung des Friedensfilmpreis-Projektes gewonnen würden, um es in jener Bewegung, aus der der Friedensfilmpreis vor 25 J. hervorgegangen ist, wieder stärker zu verankern.  Friedensfilmpreis bezieht sich nicht nur auf die Inhalte und Botschaft der ausgezeichneten Filme. Der Name bezeichnet auch die Herkunft des Preises aus der Friedensbewegung. Neben der Qualität der bislang ausgezeichneten Filme ist es das, was diesen Preis unter allen anderen unabhängigen Berlinale-Preisen einzigartig macht. Das sollte so bleiben.

Jetzt freue ich mich mit Ihnen auf die Verleihung des Filmpreises und auf den Film.
Vielen Dank fürs Zuhören