
16. Februar 2010
Es kam von hoher Stelle: Der niedersächsische Staatssekretär Wolfgang G. Gibowski empfahl den deutschen Filmemacherinnen und Filmemachern mit Nachdruck, vor der eigenen Tür zu kehren und zum Beispiel Filme über die Barschel-Affäre und das Desaster der Landesbanken zu drehen. Darüber, was politischer Film ist, welchen Stellenwert der Friedensfilmpreis im Berlinale-Reigen hat und welche Erfahrungen Preisträger mit ihren ausgezeichneten Filmen machten, diskutierten am Montagabend die Regisseure Jasmila Zbanic und Pepe Danquart, der Filmkritiker Rüdiger Suchsland, der Verleiher und Produzent Ernst Szebedits und der langjährige Leiter des Internationalen Forums des jungen Films, Ulrich Gregor, in der niedersächsischen Landesvertretung. Der Abend stand unter dem Motto: „25 Jahre Friedensfilmpreis – ein Preis, der bewegt“.
Und das tut er, auch nach 25 Jahren. Zum Beispiel schwärmte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick in seinem verlesenen Grußwort: „Ihr Friedensfilmer habt um Entscheidungen wie auch um Filme gekämpft und damit immer auch bewiesen, dass Film so viel mehr ist, ja so viel mehr sein muss als ein bloßes ästhetisches Vergnügen.“ Ulrich Gregor fügte an, dass der Friedensfilmpreis „einer der wichtigsten Preise“ sei. Und Oscar- und Friedensfilmpreisträger Pepe Danquart berichtete, sein Friedensfilmpreis habe neue Nachbarn bekommen: Stand die Friedensfilmpreis-Blume jahrelang gleichauf mit seinem Oscar, komplettieren jetzt zwei Lolas das Ensemble.
Schon war die Diskussion bei den Filmpreisen generell: Zu oft würde bei Preisentscheidungen nach den großen Namen geschielt, würden vermutete Publikumslieblinge das Rennen machen und die teuren Produktionen bevorzugt werden, war sich das Podium einig. Kriterien, denen die Jury des Friedensfilmpreises nichts abgewinnen kann.
Das mache sie aber auch suspekt, meint Rüdiger Suchsland, da zwar der Friedensfilmpreis auf neue und wichtige Filme aufmerksam mache, zugleich aber zunächst vermutet werde, dass der Inhalt wichtiger sei als die filmische Qualität. Das Vorurteil, hier seien an der Filmqualität nur am Rande interessierte Gutmenschen am Jury-Werk, verflüchtige sich erst, wenn man auf die bereits ausgezeichneten Filme schaue. Denn die Liste der bisherigen Preisträger – „auf die können Sie stolz sein“ – sei das Aushängeschild jedes Preises. Rüdiger Suchsland fasste es so zusammen: „Zur Zeit rennen zwar alle in ,Avatar‘ – aber dieser Film wird irgendwann vergessen sein. ,Hotel Terminus‘ jedoch bleibt.“ Der Film von Marcel Ophüls hatte 1989 den Friedensfilmpreis erhalten.
2006 ging der Friedensfilmpreis an „Grbavica“ (Esmas Geheimnis) von Jasmila Zbanic. Christoph Heubner, der den Abend moderierte, betonte, dass die Friedensfilmpreis-Jury ihre Entscheidung 24 Stunden vor der Vergabe des Goldenen Bären an „Grbavica“ getroffen hatte: „24 Stunden auf die wir stolz sind!“ Für Jasmila Zbanic war der doppelte Preis-Segen von großer Bedeutung: In Bosnien-Herzegowina erhielt ihr Film ein zwiespältiges Echo. Auf der einen Seite wurde er hochgelobt, auf der anderen Seite vehement bekämpft. „Die positive Energie der Berlinale half uns“, berichtete sie. Mit dem Film bekamen die Frauen, die im Krieg systematisch vergewaltigt wurden, eine Stimme: In sechs Monaten wurden 50000 Unterschriften gesammelt, die das Parlament dazu bewegten, die Frauen ernst zu nehmen, ihr Schicksal anzuerkennen und sie finanziell dauerhaft zu unterstützen. Ohne den Film wäre diese gesellschaftliche Diskussion später oder gar nicht in Gang gekommen. Jasmila Zbanic: „Deshalb glaube ich, dass Filme sehr machtvoll sein können.“
Dem pflichtet der Produzent Ernst Szebedits zu und fährt fort: „Kino muss mehr sein als Unterhaltung.“ Gute Filme zeichnen sich vor allem durch eine gut erzählte Geschichte aus. Ein hervorragendes Beispiel dafür erlebte das Publikum der Jubiläumsveranstaltung nach der Podiumsdiskussion: Wie „Dinner for one“ zu Silvester, gehört Pepe Danquarts Kurzfilm „Schwarzfahrer“ zu einem runden Geburtstag des Friedensfilmpreises. Der Oscar-prämierte Film sei in 140 Länder verkauft worden und werde „in Indien ebenso verstanden wie in Indonesien“, erzählt Pepe Danquart. Auf die Frage, was es für ein Gefühl sei, einen Film gemacht zu haben, der in den letzten 16 Jahren nichts an Aktualität verloren habe, sagte der Regisseur: „Es ist erschreckend, dass der Rassismus von damals, der Rassismus von heute ist.“
Umso wichtiger ist es, dass Projekte wie der Friedensfilmpreis existieren. „Ich freue mich, dass es auf der Berlinale eine Jury wie diese hier gibt“, meinte Ulrich Gregor. Und fügte hinzu, dass bisher hauptsächlich Filme aus dem Forum den Preis gewonnen hätten. Worauf Rüdiger Suchsland einhakte und sagte, dass auch Wettbewerbsfilme oder Streifen aus dem Kinderfilmfest zu den bisherigen Preisträgern gehörten, denn der Friedensfilmpreis sei einer der wenigen, die sektionsübergreifend vergeben werden. Ulrich Gregor lenkte ein: „Ganz unmöglich ist es nicht, dass auch in den anderen Sektionen gute Filme laufen.“
Das tun sie: Im Wettbewerb wird Jasmila Zbanics neuer Film „Na Putu“ ebenso gezeigt wie der Streifen „Shahada“, bei dem Pepe Danquart beteiligt ist. Beide Filme stehen auf der Pflichtenliste der Jurorinnen und Juroren des Friedensfilmpreises – ebenso wie etwa vierzig weitere. „Wie die Jury es schafft, sektionsübergreifend so viele Filme zu sichten“, bekundete Ulrich Gregor, „ist mir ein Rätsel.“ Fakt ist: Sie schafft es seit 25 Jahren. Am kommenden Sonntag wird der Preisträger des Friedensfilmpreises 2010 gefeiert – man darf gespannt sein.
Autor: Boris Buchholz
Druckfähiges Bildmaterial
Zur Download-Seite