Die Jury des Friedensfilmpreises 2011

Christoph Heubner, 61, Berlin, Exekutiv-Vizepräsident des IAK

Christoph Heubner

Pfarrerssohn aus Hessen. Kriegsdienstverweigerer. Friedensdienst bei der Aktion Sühnezeichen in Oxford (England). Später Betreuung der ersten Gruppen der Aktion Sühnezeichen in der KZ-Gedenkstätte Stutthof bei Gdansk in Polen. Studium der Geschichte, Germanistik und Politik in Marburg und Kassel.

Parallel zum Studium arbeitete Christoph Heubner an Dokumentarfilmen mit und war Mitarbeiter beim Rundfunk. Er veröffentlichte Gedichte und Erzählungen. Hauptamtlicher Mitarbeiter bei Aktion Sühnezeichen. Ab 1984 Mitherausgeber des Taschenkalenders „Literatur“. Seit 1985 Mitarbeit im Internationalen Auschwitz Komitee. Seit 1990 Betreuung von Auszubildenden der Volkswagen AG und polnischen Berufsschülern. 2002 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Seit 2002 ist er Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises. 2011 bestimmte ihn die Jury zu ihrem Sprecher.

Seine Gründe für die Mitarbeit beim Friedensfilmpreis:
„Wir erleben eine Reise um die Erde in zehn Berlinale-Tagen. Der Mut der Verzweiflung, die Kreativität, das Lebensgefühl und die Empathie von Filmemachern - nichts geht verloren. Sie heben die Grenzen zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem auf. Sie zeigen uns oft das Licht am Ende des Tunnels, lassen den Funken der Hoffnung überspringen.“

Was ihn am Thema Film fasziniert:
„Ich bin ganz naiv, ganz kindlich: Es ist dunkel, Geschichten werden erzählt, es wird hell – manchmal heller als vorher.“

Der Film, der ihn am meisten beeindruckt hat:
„Harold and Maude, die Schlüsselszene, als für eine Zehntelsekunde die Nummer auf dem Unterarm von Maude in die Kamera stürzt.“

Ruth Marianne Wündrich-Brosien, 72, Berlin

Ruth Marianne Wündrich-Brosien

23 Jahre lang war sie Technische Assistentin für Physik im Ultraschall-Labor für Reaktorsicherheit in der Bundesanstalt für Materialforschung und Prüfung (BAM). Hier entwickelte sie ein deutliches Engagement gegen Atomenergie..

Ruth Marianne Wündrich- Brosien gehört zu den Gründern des Friedensfilmpreises im UNO- Jahr des Friedens 1986. Seitdem ist sie aktiv dabei. „Wir wurden damals als Demonstranten und Querulanten beschimpft. Der damalige Festspielleiter Moritz de Hadeln liebte den Friedensfilmpreis nicht.“

Was sie an Filmen fasziniert:
„Film spricht stärker als andere Medien Emotionen an und kann dadurch mehr gesellschaftlichen Einfluss nehmen. Man stelle sich vor, in sämtlichen Kinos der Stadt würden nur Friedensfilme gezeigt, auch im Fernsehen und im Internet – welchen Einfluss könnte das haben?

Ruth Marianne Wündrich- Brosien geht ein bis zwei Mal  im Monat ins Kino.
Welche Filme sie besonders beeindruckten:
„Unvergessen bleiben mir ‚Das Leben ist schön‘ von Benini und ‚Kinder des Olymp‘ von Barault.“

Monica Chana Puginier, Berlin

Monica Chana Puginier

Sie war Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Französisch im Ausland. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin wurde sie Cultural Assistant an der Botschaft der USA der DDR. Ab 1990 leitete sie das Auslandsamt der Universität der Künste Berlin.
 
Ihr ehrenamtliches Engagement: Amnesty International/Öffentlichkeitsarbeit und Flüchtlingsreferat in Hamburg. Vorstandsmitglied des Förderkreises für die Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas. Vorstandsmitglied des Aktiven Museums – Faschismus-Widerstand in Berlin. Mitarbeit an verschiedenen Ausstellungen zum Thema Exilforschung. Mitglied des Kulturausschusses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Seit 1995 ist sie Mitglied der Jury des Friedensfilmpreises.
 
Wie es dazu kam:
„Durch den preisgekrönten Film von Andres Veiel ‚Balagan‘ von 1994 wurde ich auf die Initiative Friedensfilmpreis aufmerksam. Die Schriftstellerin Leonie Ossowski holte mich in diese Gruppe. Mich begeisterte die Idee eines Friedensfilmpreises für engagierte gesellschaftspolitische Filme von hoher filmischer Qualität und ich wollte in dieser engagierten cineastischen Gruppe mitarbeiten, die trotz aller Widrigkeiten weiterhin an Visionen glaubt und sich dafür einsetzt.

Was sie am Thema Film fasziniert:
„Der Film spricht unsere Sinne und Gefühle an, er ist ein Medium der Emotionen und ein Medium der Verdichtung. Film kann die Wirklichkeit vergrößern durch Kamera und Zeit und er macht Vergangenheit und entfernte Räume präsent und lebendig. Man wird direkt konfrontiert, ohne intellektuelle Umwege, ohne die Abstraktion der Schrift wie bei der Literatur.
 
Filme, die sie besonders beeindruckten:
„Avanti Popolo, Israel. Tout les Matins du Monde, Frankreich, ein Film, der auf der Berlinale gezeigt wurde. Turtles can also fly, Iran/Irak, ausgezeichnet mit dem Friedensfilmpreis 2005“

Burhan Qurbani, 30, Berlin, Regisseur

Burhan Qurbani

Wie er zum Film kam:

„Im Zimmertheater Tübingen sah ich im zarten Alter von 15 eine wunderbar herzzerreißende Aufführung der ‚Drei Schwestern‘ von Tschechow. Es folgten Praktika, Hospitanzen und Assistenzen am Staatstheater Stuttgart. Dann eine Wette: ‚Du wirst nie für Regie angenommen‘ – und die Bewerbung an der Filmakademie Baden-Württemberg. Mein Abschlussfilm ‚Shahada‘ lief im Wettbewerb der 60. Berlinale und seit dem nennt man mich Regisseur. Ich habe zu diesem Vorwurf bis heute keine Stellung bezogen.“

Warum er in der Jury des Friedensfilmpreises sitzt:

„Juryentscheidungen sind nicht selten politisch motiviert und küren dann Konsensfilme. Vielleicht ermöglicht ein politischer Preis wie dieser, der den Konsens sucht, das Gegenteil. Vielleicht wird dann einfach mal der beste Film gewinnen!“
 
Was fasziniert ihn am Thema Film?

„Das man stinkreich und sexy werden kann.“

Welcher Film hat ihn in seinem Leben besonders beeindruckt?

„Fight Club und Das Letzte Einhorn.“

Helgard Gammert, 66, Treuenbrietzen, Filmkauffrau

Helgard Gammert

Sie ist ausgebildete Medienpädagogin und arbeitete in verschiedenen Filmgremien. 1979 kam sie aus Mannheim nach Berlin und kaufte das Bali-Kino.

„Bali“: Der eigentliche Name 'Bahnhofslichtspiel' war den früheren Betreibern zu lang und sie verkürzten ihn zum Inselnamen. Helgard Gammert entwickelte die Idee eines außergewöhnlichen Kinder- und Jugendprogramms konsequent weiter. 1986 rief sie die Berliner 'Kinder-Kino-Initiative' ins Leben, bei der jeden Monat – unterstützt vom Hauptverband der deutschen Filmtheater – ein ausgewählter Kinderfilm durch 20 Berliner Kinos tourte. 25 Jahre in Folge wurde das Bali für ein hervorragendes Jahresfilmprogramm ausgezeichnet. Helgard Gammert bekam 2005 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Helgard Gammert und ihr „Bali“: Ein Ein-Frau-Betrieb. „Ich bin das Kino und Film ist mein Leben.“ Sie sucht den Kontakt zum Publikum, strengt Diskussionen über die Filme an, ist offen für Anregungen und Kritik. „Ein Kino ohne Impulse von außen ist tot“, sagt sie. Am liebsten spielt sie Dokumentarfilme.

Wie oft geht sie ins Kino?
„Jeden Tag. Und ich sehe alle wichtigen Filme!“
 
Der Film, der sie bisher am meisten beeindruckt hat:
„Vor dem Regen von Milcho Manchevski, 1995 gedreht.“

Mehdi Benhadj-Djilali, 38, Berlin, Filmemacher

Mehdi Benhadj-Djilali

Geboren in Algier, Algerien. 1982 Umzug nach Deutschland. 1996 bis1998 Studium der Architektur in Paris. 1998 bis 2002 Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Aachen. 2002 Beginn des Regiestudiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Er arbeitet seit 2009 beim Friedensfilmpreis mit.

Wie es dazu kam:
„Ich wurde von meinem damaligen Dozenten Christian Ziewer zum Friedensfilmpreis eingeladen  und habe sofort zugesagt. Man braucht sich nur die aktuelle Lage in Nordafrika anzuschauen, und die Frage nach den Gründen oder Notwendigkeit für die Mitarbeit an einem Friedensfilmpreis erübrigt sich.“

Was ihn am Thema Film fasziniert:
„Filme, ob kurz, lang, fiktiv, oder dokumentarisch, haben seit jeher eine starke und besondere Kraft auf ihre Rezipienten. Das Tolle an Filmen: Es gibt keine Voraussetzung zum Filmschauen. Im Gegensatz beispielsweise zur Literatur erreichen sie nahezu jeden.“

Welcher Film ihn besonders beeindruckt hat:
„Ich freue mich sehr, dass meine Antwort den Rahmen der Frage sprengen würde. Es sind einfach zu viele und zu unterschiedliche.“

Maria Francesca Ponzi, 19, Studentin aus Rom

Maria Francesca Ponzi

10 Jahre lang besuchte sie die Deutsche Schule Rom, dann das italienische Gymnasium, wo sie im Juli 2010 das italienische Abitur mit 100 e lode (1 plus) bestand.

Jetzt studiert sie Literatur- und Medienwissenschaft an der Universität Roma „La Sapienza“. Maria Francesca Ponzi ist Mitarbeiterin der on-line-Zeitschriften „frameonline“ und des Portals „Gothicnetwork“. Sie veröffentlichte Filmrezensionen sowie Essays über die italienische Literatur (Calvino). 2009 war sie Mitglied der Juri des Filmpreises „David di Donatello“ (Roma).

Ihr Vater Mauro Ponzi, Literatur-Professor in Rom, gehörte vor einiger Zeit auch der Jury des Friedensfilmpreises an.

Maria findet: „Filme sind die perfekte Synthese aller Künste – Musik, bildende Kunst und Literatur. Ein Film kann sehr emphatisch sein und die Zuschauer stark beeindrucken.“ Sie geht zwei- bis dreimal im Monat ins Kino. „Besonders mag ich Filme, die soziale oder politische Probleme ansprechen.“